Bedienstete der öffentlichen Verwaltung häufig von Depressionen betroffen
#1

Die Techniker Krankenkasse (TK) stellte am 28. Januar 2015 die Ergebnisse ihrer Studie über Depressionen vor:

Besonders stark betroffen sind die Bediensteten in der öffentlichen Verwaltung, die durchschnittlich 1,4 Fehltage pro Kopf aufgrund von Depressionen krank geschrieben waren, der Durchschnitt aller Beschäftigten beträgt 1,1 Tage - siehe die angehängte Grafik.

   

Die Pressemitteilung:

"14,8 Tage waren Erwerbspersonen - dazu zählen Beschäftigte und ALG-I-Empfänger - in Deutschland 2014 durchschnittlich krankgeschrieben. Dies entspricht einem Krankenstand von 4,05 Prozent, der damit 0,9 Prozent höher liegt als im Jahr zuvor. Dies gab die Techniker Krankenkasse (TK) heute auf ihrer Pressekonferenz zum Depressionsatlas Deutschland bekannt.

Der Anstieg resultiert laut TK ausschließlich aus der längeren Dauer der Krankschreibungen. 13,3 Tage fehlten Erwerbspersonen in Deutschland im Krankheitsfall, die durchschnittliche Dauer stieg damit um 4,5 Prozent (12,9 Tage in 2013).

Gudrun Ahlers, bei der TK zuständig für die Gesundheitsberichterstattung: "Deutlich gestiegen sind jedoch die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen. Nachdem die Fehlzeiten 2013 im Vergleich zu allen Vorjahren erstmals nicht weiter zugenommen hatten, verzeichnen wir für 2014 wieder einen Anstieg von 0,2 Tagen pro Kopf." Von den 14,8 Fehltagen entfielen also 2,8 Tage auf psychische Störungen. Damit geht ein Fünftel der gesamten Fehlzeiten auf seelische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen zurück.

Vom Jahr 2000 bis 2013 sind Fehlzeiten aufgrund von Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen. Der Anteil der Erwerbspersonen (dazu gehören sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und ALG I-Empfänger), die Antidepressiva verschrieben bekamen, hat im gleichen Zeitraum um ein Drittel auf sechs Prozent zugenommen. Das geht aus dem Depressionsatlas Deutschland hervor, den die Techniker Krankenkasse (TK) heute in Berlin vorgestellt hat.

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK: "Statistisch gesehen war jeder einen Tag aufgrund von Depressionen krankgeschrieben. Anders als bei anderen Diagnosen wie Erkältungskrankheiten oder Rückenschmerzen sind bei den Depressionen zwar deutlich weniger Menschen betroffen - nur 1,6 Prozent bekamen eine solche Krankschreibung. Die, die es trifft, fallen aber sehr lange aus, im Durchschnitt 64 Tage. Das heißt, es ist eine sehr langwierige Erkrankung für den Patienten, verbunden mit hohen Ausfallzeiten für die Betriebe. Betrachtet man zudem den großen medizinischen Versorgungsbedarf der Patienten, sind Depressionen also auch ein wirtschaftlicher Faktor."

Für ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern bedeutet dies, dass durchschnittlich vier ihrer Beschäftigten gut zwei Monate im Jahr fehlen. Berücksichtigt man noch den Urlaubsanspruch, bleibt also mindestens ein Arbeitsplatz allein aufgrund von Depressionen unbesetzt.

Große Unterschiede zwischen den Berufen

Betroffen sind laut TK vor allem Berufe mit einem hohen Stresslevel und einer großen psychischen Belastung (...).

Dr. Thomas Grobe vom AQUA (Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen), der die Daten für die TK ausgewertet hat: "Die Fehlzeiten unterscheiden sich zudem zwischen den Geschlechtern. Frauen sind mit durchschnittlich 1,3 Tagen deutlich mehr aufgrund von Depressionen krankgeschrieben als Männer mit durchschnittlich 0,8 Tagen. Zudem nehmen die Fehlzeiten mit dem Alter deutlich zu. Erst ab dem 60. Lebensjahr sind die Werte wieder rückläufig.

Erstmals lokale Daten zu Depressionen

Erstmals hat die TK Krankschreibungen aufgrund von Depressionen auch auf lokaler Ebene ausgewertet. Die höchsten Fehlzeiten gibt es in Merzig-Wadern im Saarland mit durchschnittlich 1,7 Fehltagen pro Kopf sowie in Lübeck, Neumünster, Bad Segeberg, Duisburg, Gelsenkirchen, Herne, Bielefeld und Oberhavel (jeweils 1,6). Bei guter seelischer Gesundheit ist man dagegen offenbar in Greiz im Vogtland mit nur 0,2 depressionsbedingten Fehltagen und im oberfränkischen Kulmbach (0,3 Tage).

Arzneimittel - die andere Seite der Medaille

Laut TK zeigen die Fehlzeiten jedoch nur zum Teil, wie belastet die Republik ist. "Nicht jeder der eine Depression hat, wird krankgeschrieben", erklärt York Scheller, Psychologe bei der TK. "Deshalb haben wir zusätzlich die Antidepressiva-Verordnungen untersucht."

Dabei zeigt sich, dass auch einige Regionen mit unterdurchschnittlichen depressionsbedingten Fehlzeiten relativ hohe Verordnungsraten aufweisen. Die bereits erwähnten Kulmbacher sind zwar 70 Prozent weniger krankgeschrieben als der Bundesdurchschnitt, aber auch hier bekommen 5,5 Prozent der Erwerbspersonen Antidepressiva verschrieben - damit liegen sie nur knapp unter dem Mittelwert (5,97 Prozent). Auch Birkenfeld in Rheinland-Pfalz liegt trotz unterdurchschnittlicher Fehlzeiten (minus 48 Prozent) bei den Antidepressiva 20 Prozent über dem Bund. Fast 7,2 Prozent erhielten hier 2013 Medikamente zur Behandlung von Depressionen.

TK-Chef Baas nannte zudem bereits erste Vorabergebnisse aus dem im Frühsommer erscheinenden Gesundheitsreport 2015: "Die ersten Daten zeigen, dass sich der Trend steigender psychisch bedingter Fehlzeiten fortsetzt. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit guten Angeboten im Betrieblichen Gesundheitsmanagement, in der Individualprävention, mit E-Coaching-Angeboten und in der medizinischen Versorgung gegen die Zunahme psychischer Störungen stemmen. Gesetzliche Anti-Stress-Verordnungen reichen hier nicht aus. Hier sind Unternehmen, Beschäftigte und Krankenkassen gleichermaßen gefordert."

(Pressemitteilungen der TK vom 28.01.15)

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#2

Das Ergebnis wundert mich nicht. Folgende Gründe spielen nach meiner Meinung eine Rolle:

# Es sind oftmals unsinnige oder ungerechte Gesetze und Beschlüsse auszuführen, die zu großem Ärger und Unverständnis in der Bevölkerung führen. Leidtragende sind die öffentlichen Bediensteten, die dies hautnah zu spüren bekommen.
# Unwürdige Sparmaßnahmen auf dem Rücken der öffentlichen Bediensteten. Völlige Abkopplung vom jahrelangen Aufschwung Deutschlands.
# Fehlende Aufstiegschancen
# Überforderung - stets wird versucht, noch mehr Arbeit aufzubürden. Das geht solange, bis Krankheitszeiten oder Fehler überhand nehmen.
# Fehlender Respekt, fehlende Menschlichkeit. Egal ob Vorgesetzte, Politiker, Bürger, Presse, Wirtschaft, Vereine oder andere Behörden - allzu gerne wird nach Fehlern gesucht, um den einzelnen dann mit aller Kraft in die Pfanne hauen zu können. Gute Ideen oder Leistungen sind dagegen selbstverständlich und gehen unter.

Jürgen
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#3

Bei uns (Landesbehörde) wurde der mittl. Verwaltungsdienst (mVD) nahezu vollständig gegen die Wand gefahren. Den versierten Sachbearbeitern od. Referatsleitern mit 30 oder 40 Jahren Berufserfahrung wurden scheibchenweise Aufgaben und Verantwortung entzogen und diese an Koll. des gehobenen / höheren Dienstes bzw. an ungelernte Mitarbeiter übertragen. Zitat: "Sie sind für einfache Tätigkeiten überqualifiziert und für höherwertige Aufgaben einfach zu dumm. Sie haben ja nicht mal studiert, man kann sie kaum für was gebrauchen". Ergebnis: 55-jährige Bedienstete mit über 35 Jahren Berufserfahrung ordnen nun im stillen Kämmerlein Ergänzunglieferungen ein, kopieren irgendwelche Schriftstücke oder geben einfache Zahlenreihen in Excel-Tabellen ein. Andere sortieren Altpapier aus und prüfen, welche Blätter evtl. noch als Schmierzettel verwendet werden könnten. Nach zwei bis drei Stunden ist der Arbeitstag dann bereits gelaufen.... und dies bei einem A9-Gehalt !! Der zunehmende Standesdünkel in den Behörden hat da viel kaputt gemacht. Kein Wunder, wenn da Depressionen aufkommen. Icon_evil
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#4

Das Problem ist schon länger bekannt. Laut DAK-Gesundheitsreport 2013 liegen die psychischen Erkrankungen in der Öffentlichen Verwaltung 32 % über dem Durchschnitt aller Branchen.
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#5

Interessant, aber es bedarf weitergehender Informationen. Gibt es Studien darüber, wo die Ursachen liegen ? Falls nicht, sind die öffentlichen Arbeitgeber von Bund, Ländern und Kommunen und auch die Gewerkschaften gefordert, diese anzustoßen.
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#6

Diese Rubrik mit aktuellen politischen Diskussionen ist einfach wahnsinig interessant! Dafür schon mal ein Lob.

ich kenne eine Studie der Landesregierung Bayern, die ich mal im Netz fand. Daraus ging hervor, dass im ÖD die Personen die in den unteren Vergütungsgruppen arbeiten wesentlich kränker sind, als jene im geh. oder höheren Dienst.

Gründe meiner Meinung nach:

1. das Krankheitsbild Gratifikationskrise, z.B. haben sich manche Stellen im mD in manchen Gegenden rapide verschlechtert! Vergütungsgruppen wurden abgesenkt --- anderes wanderte nach oben.

in Norddeutschland z.B. gibt es für Personen die Stellen wechseln wollen in gut 98% aller Fälle nur noch Stellen nach TVÖD/TV L 5 oder 6 -- es gibt keine Möglichkeiten mehr sich mal zu verbessern. Außerdem wurde das Stellenangebot ausgedünnt für den mittleren Dienst -- das heißt: entweder man braucht für bessere Bezahlung gleich ein Studium oder AL II, oder hat eben nur Auswahl an schlecht bezahlten langweiligen Stellen! Dazwischen ist nichts mehr! Vor allem wurde bei uns der mittlere Dienst radikal eingespart - wir haben hier Behörden, wo es fast nur noch geh. Dienst gibt, der mittlere Dienst kriegt fast nur noch Stellen, die ich zum einfachen Dienst zählen würde. Aber dazwischen wurde ausgedünnt!
Z.b gab es hier die letzten Jahre für den Bereich Arbeitsagentur nur eine Stelle im mittleren Dienst und da sollte die VFA die Telefonzentrale nur bedienen --- wozu macht man denn dafür eine 3 Jahres Ausbildung?


und weil Stellen intern vergeben werden an eigene Azubis ist die Stellenauswahl für Personen mit mD Qualifikation einfach zu gering. Es gab hier jahrelang kaum Stellen am Arbeitsmarkt, man wurde buchstäblich am Arbeitsmarkt vorbeiqualifiziert mit diesem mD - Beruf! Und dann braucht man für vieles eben AL II oder Strudium --- wenn man die Stellen mal vernünftiger ausschreiben würde wie bei Stadt HH teilweise, dann könnten sich die im mD ja wenigstens mal anderswo bewerben, statt ins berufliche Abseits geschossen zu werden. Stadt HH schreibt wenigstens so aus:"bewerben können sich Personen mit Studium/AL II oder mD und mehrjähriger Berufserfahrung. Stattdessen kann man sich mit mD in meinem Bundesland auf nichts bewerben, weil mD kaum gesucht ist und die Weiterbildung nunmal fehlt -- man wird quasi festzementiert, ohne mal Stellenauswahl vorzufinden!

ich hätte mal früher in HH nachsehen sollen, dachte, es wird überall so blöd ausgeschrieben, so dass man keine Auswahl an Stellen mehr hat! Fühlte mich im Beruf wie ein Gefangener ohne Auswegmöglichkeiten, Sackgasse!

2. fehlende Wertschätzung, fehlende Aufstiegschancen, schlechte Stellenqualität, schlechte Gehälter in unteren Vergütungsgruppen, bei uns wird kaum Personalentwicklung betrieben, was man macht, interessiert niemanden. Warum fragt man nicht die Angestellten regelmäßig, ob man etwas für die tun könne, z.B. eine Weiterbildung, etc. immerhin wird der ÖD ein Altenheim, da kann man sich ruhig mal um langgediente MA kümmern, statt nur um Neueinsteiger. Nur ausbilden reicht nicht, sondern danach muss auch was kommen.

außerdem muss der ÖD bei Personalsachen moderner werden, als er heute ist.
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#7

http://www.haufe.de/oeffentlicher-dienst...79735.html

Mobbingquote im ÖD besonders hoch

Hohe Quote in der öffentlichen Verwaltung

Nach einer Untersuchung des Frankfurter Psychologen Prof. Dieter Zapf ist die Mobbing-Quote in Bereichen des öffentlichen Dienstes besonders hoch. Zapf hat eine Risikoeinteilung nach Branchen vorgenommen. Danach besteht im Bereich Gesundheitswesen und Soziales ein siebenfaches Risiko, gemessen an der durchschnittlichen Risikoquote aller Betriebe, einem Mobbing-Angriff zum Opfer zu fallen. Im Bereich Erziehung und Unterricht wird dieses Risiko immerhin noch mit 3,5-fach angegeben, bei der öffentlichen Verwaltung mit einem 3-fachen Faktor. Erklärt wird dies mit der spezifischen Ausformung von Tätigkeiten im öffentlichen Dienst. So gäbe es häufig keine klaren Kriterien der Leistungsbeurteilung. Außerdem sei in diesen Berufen oft der Beschäftigte stark persönlich in seine Arbeit eingebunden und böte damit mehr Angriffsfläche.
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#8

Es liegt auch daran, dass generell überall nur noch gekürzt wird. Arbeitnehmer sind nur noch Sparvieh, wo der AG sich tw. freut, wenn diese vorzeitig versterben, damit er seine gesparte Stelle notieren kann. Wer will in so einem Klima gern arbeiten, wo man selbst als Arbeitnehmer nur noch als unnötiger Ballast empfunden wird? Oder wo man nur ausgebeutet wird?

http://www.l-iz.de/melder/wortmelder/201...igen-78467

außerdem verschlechtern sich die Beschäftigungsverhältnisse. Z.B. VBL-Zusatzrentenkürzung. Die zweite Säule der Altersversorgung ist oft das Einzige, was junge Menschen noch über die Grundsicherungsrente heben wird, aber auch da wird die Axt angelegt.

DE ist ein Land geworden, dass die Axt an den Arbeitnehmern überall anlegt und sie als Sparmodell benutzt, egal ob die Pflegerin (ebenfalls in der obigen TK Liste), deren Lohn real kaum steigt und die für wenig Geld immer mehr Menschen versorgen muss, weil da gespart wird, oder jemand der anderswo arbeitet.

dieses angebliche Fachkräftemangelland hat nur noch verschlechterungen für viele Arbeitnehmer zu bieten. Wird doch nur noch überall gekürzt und nach Jahrzehnten Massenarbeitslosigkeit ist der Mensch eben auch nichts mehr Wert.

mich wundert überhaupt nicht, dass in DE immer mehr psychisch Kranke herumlaufen. Die Gesellschaft ist auch zu Recht immer kinderloser, weil auch seit das Klima hier nur noch nach unten weist. Dann wird man auch noch von asozialen Stümpern regiert, die alle ihre Reformen nur noch zu Lasten der Arbeitnehmer durchführen und fleißig überall nach oben umverteilen. Die Soziale Marktwirtschaft hat sich schon lange verabschiedet.

DE ist dann halt das Land Kinderloser, das Land psychisch Kranker und es wird auch das Land der Altersarmen... alles selbst verursacht, DE hat schon den größten Niedriglohnsektor Europas. Auf Qualität achtet keiner mehr, nur noch auf Quantität. Wenn man den Zahlen der OECD glauben darf, dann hat DE aber schon jetzt ein besonders niedriges Arbeitsvolumen und besonders niedriges Wirtschaftswachstum.

langfristig geht die Strategie also gar nicht auf. Im Wohlstand (BIP, BIP Wachstum, Reallohnentwicklung) ist DE doch auch schon lange abgestiegen, andere Länder sind schon lange vorbeigezogen.
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